Samsung Gear S3 frontier: Die rundeste Sache, seit es Smartwatches gibt?

Es ist so ein Ding mit den Smartwatches und mir: Ich mag diese Gadgets und sehe sie durchaus als brauchbare Verlängerung des Smartphone-Displays, kann aber durchaus darauf verzichten. Bisher konnte mich auch kein Gesamtpaket vollends überzeugen – paßte die Optik, sagte mir die Bedienung nicht zu und andersrum. Ein Hoffnungsschimmer brachte im letzten Jahr die Gear S2 von Samsung dank toller Bedienung durch die drehbare Lünette. Nun folgt die Gear S3-Serie und man darf sich fragen: Macht Samsung die Smartwatch nun wirklich rund? Zwei Wochen mit der Gear S3 frontier sollten dies zeigen.

Vorab sei gesagt: Ein wenig was zu meckern hatte ich bei jeder Smartwatch. Das Paradebeispiel für eine lückenlose Integration in iOS ist schlichtweg die Apple Watch, die aber für mich optisch – wider der tollen Verarbeitung – selbst in der 42mm-Version zu klein und zierlich wirkt. Auch die Form sagt mir nicht so zu, ich bevorzuge eher die klassischen “runden” Uhren. Unter Android hatte ich mittlerweile auch schon Hand an so ziemlich alle Smartwatches gelegt: Hier konnten am ehesten die HUAWEI Watch und die LG G Watch Urbane 2 optisch punkten, wenngleich Android Wear das ideale Pendant zu Apples watchOS unter Android ist, aber an vielen Punkten schlichtweg unfertig wirkte – zumindest in meinen Augen.

Der lachende Dritte könnte Samsung sein, hat man doch mit beiden Systemen nichts am Hut und kocht mit Tizen sein eigenes Süppchen. Im letzten Jahr überraschte mich – wie Eingangs erwähnt – die Gear S2 durch ihr Handling und die relativ unkomplizierte Bedienung und schaffte dabei unter Android ein User-Erlebnis, das ich jeder Android Wear-Uhr vorgezogen habe. Im Dunstkreis der Veröffentlichung der Nachfolgermodelle Gear S3 classic und frontier gab es dann auch noch die Möglichkeit der Kopplung an iOS: Spannende Frage war also nun, ob und inwiefern Samsung hier auch bei iOS-Nutzern punkten konnte, doch dazu später mehr. Mein Testmodell war die robustere und größere Gear S3 frontier und wurde mir freundlicherweise für zwei Wochen von Samsung zur Verfügung gestellt.

Verpackungsfreunde werden das zylinderartige Konstrukt wiedererkennen, in dem sich die Uhr samt Ladestation, Micro-USB-Kabel, zweitem Armband und Schnellstart-Anleitung befindet: Graue Boxen waren gestern, auch das Auspacken von Smartwatches möchte optisch ansprechend präsentiert und zelebriert werden. Positiver Aspekt an der Ladestation: Geht das USB-Kabel einmal kaputt, tauscht man es einfach aus und ist nicht – wie bei dem ein oder anderen Hersteller – gezwungen, ein neues Lade-Dock zu erwerben, weil das Kabel fix mit der Station verbunden ist. Bereits beim Öffnen der Verpackung springt die Wucht und Masse der Gear S3 frontier auch bereits ins Auge: Dem ein oder anderen wird die Uhr zu groß sein, für mich ist aber schon mal ein Manko der Gear S2 behoben: Die Uhr ist alles andere als zierlich, sondern eben eine Smartwatch, die optisch auch als klassischer Handgelenksschmuck durchgehen könnte, aber auch nicht etwas für jeden Arm ist.

Nach dem Auspacken fällt neben der im Gegensatz zum bereits schicken Vorgänger definitiv die Verarbeitungsqualität der Smartwatch auf. Auch das Gummi-Armband wirkt weich und wertig, wenngleich es auch im Alltag als Fussel-Magnet dienen dürfte. Im Gegensatz zum Armband bei der LG G Watch Urbane 2, das ich als zu starr empfunden habe, konnte ich mich hier direkt mit dem Material anfreunden. Die Uhr selbst hat einen Durchmesser von 46 mm und eine Höhe von 12,9 mm, wirkt also recht massiv, ohne dabei allzu sehr ins Klobige abzudriften. Durch eine IP68-Zertifizierung ist sie nicht nur gegen Staub und Schmutz geschützt, sondern soll auch ein Bad von bis zu 30 Minuten in 1,5 Meter tiefem Wasser überstehen.

Grundsätzlich sticht die getragene Uhr dem Gegenüber allerdings nicht direkt als Geek-Zubehör (wie in meinem Bekanntenkreis Smartwatches noch oft genannt werden) ins Auge, sondern wirkt auf den ersten Blick wie eine etwas größere klassische Uhr. Der ein oder andere mag auch behaupten, mit dem passenden Zifferblatt ist eine Smartwatch nicht mit einer “normalen” Uhr zu vergleichen. Das sehe ich persönlich anders, wenngleich das Display eindeutig eine der Stärken der Gear S3 darstellt – der digitale Touch ist einfach zu erkennen. Apropos Display: Feature-Freunde werden sich über das 1,3″-OLED-Display (3,3 cm) und die 360 × 360 Pixel Auflösung bei 277 ppi Displayschärfe freuen. Es läßt sich auch von der Seite gut ablesen, besitzt keinen “flat tire” am unteren Rand und kann durch die optionale “Always-On”-Einstellung wie eine klassische Uhr genutzt werden. Das geht natürlich zu Lasten der Batterielaufzeit – wer das aber mag, kann diese Option selbstverständlich nutzen.

Über die Verarbeitung an sich kann man nicht meckern: Die Lünette lässt sich wie auch beim Vorgängermodell butterweich drehen und stoppt hörbar nach jeder Drehung, das Ganze klingt hier wie ein mechanisches Klicken. In Sachen Spaltmaße macht die Gear S3 ebenfalls einen sehr guten Eindruck, so dass der Gesamteindruck als “äußerst wertig” zu bezeichnen ist: Auch kein Standard, wie ich finde – und die 59 Gramm an Gewicht beweisen auch, dass man hier definitiv mehr als ein Plastik-Gadget am Arm trägt. Apropos Gadget: Dank der IP68-Zertifizierung taugt die Gear S3 natürlich auch inklusive der “Samsung Health” Android-App als Fitness-Gerät, was durch den integrierten Pulsmesser entsprechend unterstrichen und durch die ebenfalls vorhandene GPS-Funktion verdeutlicht wird. Hierbei ist zu erwähnen, dass die Pulsmessung am Handgelenk schon recht genau ist (als Vergleich dient hier ein Fitbit Charge 2), aber reell natürlich immer über dem Level eines Brustgurtes liegt. Komplettausreisser gibt es in Sachen Messwerten allerdings nicht und auch die Workout-Erkennung (Laufen / Joggen) oder auch die Schlaferkennung sind äusserst zutreffend, übrigens ebenso wie die lästigen Inaktivitätswarnungen.

Das Koppeln der Smartwatch funktioniert unter Android wie auch iOS problemlos, wenngleich – um meine Meinung hier vorwegzunehmen – die Unterstützung für die Kopplung an ein iPhone besser hätte sein können. Zwei Möglichkeiten ergeben sich hier für die Zukunft: Meine ersten Gehversuche mit der iOS-App erfolgten kurz nach Bekanntgabe und Unterstützung von iOS, ergo steht man auch in Sachen Entwicklung erst am Anfang und es ist noch Luft nach oben. Möglichkeit Zwei: Samsung hat das Optimum herausgeholt und Apple läßt eine tiefere Integration ins System nicht zu, schließlich möchte man der Apple Watch ja nicht das Wasser abgraben. Welche Möglichkeit zutrifft, wird die Zeit zeigen. Wie dem auch sei: Die Kopplung erfolgte bei iOS und Android über die Bluetooth-Schnittstelle in Verbindung mit der Samsung Gear App.

Wer die Gear S3 mit dem iPhone koppeln möchte, wird an dieser Stelle schon den ersten Stolperstein erleben: Die App macht nicht nur optisch einen wirklich grausamen Eindruck, sondern verhagelt die Laune des gespannten Testers auch durch recht unsinnige Übersetzungen. Dazu gesellen sich überflüssige Captchas und eine Datenübertragungsrate der Apps und Ziffernblätter an die Uhr, die an prähistorische Modem-Zeiten erinnert: Im Vergleich zur Android-Version mutet das Überspielen von der App auf die Smartwatch äusserst grausam an und man fragt sich zu recht, ob hier Bluetooth 4.X am Werk ist oder nicht. Die Hoffnung hier: Die iOS-Variante, die wie eine lieblose Portierung der Android-App wirkt, hat in Sachen Qualität noch Luft nach oben. Wieso man die Anwendung nicht einmal ansatzweise an die optischen Richtlinien von iOS angepaßt hat, dürfte ein Geheimnis von Samsung bleiben: Der Eindruck, dass hier mal eben so etwas mit der sprichwörtlichen heißen Nadel gestrickt wurde, kommt einem unweigerlich in den Sinn.

Ist die Uhr einmal gekoppelt, tut sie mit den genannten Einschränkungen das, was sie soll – zum Testzeitraum habe ich es aber beispielsweise nicht geschafft, Benachrichtigungen meiner drei E-Mail-Konten auf die Uhr zu bekommen. Andere Apps hatten unter iOS keine Probleme. Schöner sah es da bei Android aus: Hier merkt man, aus welchen Gefilden die App eigentlich stammt und Samsung spielt hier die native Anbindung an Android wunderbar aus. Benachrichtigungen samt der Möglichkeit von Schnellantworten stehen ohne Probleme zur Verfügung – so, wie es sein soll.

Fazit: Samsung gibt sich mit der Gear S3 – hier die Variante frontier – keine Blöße und setzt gegenüber des schon genialen Vorgängers Gear S2 noch einen drauf: Die Bedienung ist wie gewohnt flott, die drehbare Lünette immer noch die Offenbarung des Smartwatch-Handlings und auch die Optik hat in Masse wie Klasse zugelegt. Samsung schafft mit trotz (oder dank?) Tizen ein Gesamterlebnis, das Android Wear-Modelle in meinen Augen bis heute vermissen lassen. Die iOS-Anbindung ist wie erwartet spartanisch, der App Store könnte noch einen Satz strategisch wichtiger Apps, die es unter Android Wear eben gibt, gebrauchen.

Einziges Manko ist in meinen Augen die App-Versorgung, denn was der Samsung-Store in Sachen Tizen-Apps neben den gewohnten Ziffernblättern so zu bieten hat, ist schon sehr überschaubar und – auf die Spitze getrieben – schlimmer als das, was Windows Mobile-User über die Jahre erdulden mußten. Das Gesamt-Erlebnis mit der Uhr und dem System ist out-of-the-box hervorragend, der weitere Erfolg dieses Segments sollte für Samsung in meinen Augen aber mit dem App-Angebot stehen oder fallen. Eine Smartwatch mit dem Listenpreis von 399 EUR – im Netz auch schon bis zu 100 EUR günstiger – sollte daher auch in Sachen App-Versorgung eine Zukunft bieten. Gäbe es diese Smartwatch mit Android Wear 2.0: Wer weiß, was dann möglich wäre! So entscheidet Ihr Euch mit dem Griff zu der Galaxy Gear S3 auch für ein weiteres Ökosystem, dieser Sache sollte man sich bei aller technischer Finesse und des äusserst positiven Gesamtpakets bewußt sein! Packt man diese Idee allerdings beiseite, ist auch die aktuelle Gear-Serie wohl die rundeste und kompletteste Smartwatch auf dem Markt!

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